Beerdigt Katia Saalfrank die Super Nanny?
Spiegel online meldet, Katia Saalfrank habe sich in einer internen Mail an RTL darüber beklagt, dass zuletzt aufgrund medial geschuldeter “Scripted Reality” zu stark in ihre Arbeit eingegriffen worden sei und das sogar oft gegen “pädagogische Interessen”. Auf ihrer Webseite ist dazu nichts zu lesen, aber immerhin ein Absatz, der vor dem Hintergrund der angeblichen Mail ganz interessant ist:
Ich kann hier ganz klar sagen, dass meine pädagogische Beratung lediglich von der Kamera begleitet wird und nichts gestellt oder geskriptet ist. Auch erhalten die Familienmitglieder keine Anweisungen, wie sie sich verhalten sollen. Im Gegenteil. Es ist eben alles echt und nichts gestellt.
Das bedürfte dann wohl einer kleinen Änderung….
Die Vorwürfe, bei der Super Nanny sei alles gestellt, sind nicht neu und auch bei anderen “Doku”-Formaten sickert immer wieder mal ein Hinweis darauf durch, dass hier streng nach (miesem) Drehbuch gearbeitet wird. Die Frage ist und bleibt jedoch,ob die Super Nanny von diesem medialen Phänomen jetzt überrollt wird oder aber diesem erst den Weg geebnet hat, und die anderen Formate (Bauer sucht Frau, Schwer verliebt, etc. ) jetzt mit entsprechender Verve und zunehmender Hemmungslosigkeit draufspringen.
Nichts Genaues weiß man nicht und das liegt vornehmlich daran, dass man die Beteiligten mit entsprechenden Verträgen gut einzuschüchtern weiß. Holger von fernsehkritik.tv ist es dennoch gelungen zwei Familien zum Reden zu bringen. (Folge 77, Folge 78) Auch wenn man die Einlassungen der Betroffenen sicher genauso mit Vorsicht genießen muss (da Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung oftmals auseinandergehen), sind ihre Berichte sehr schockierend: Sie sprechen von sporadischer Anwesenheit der Super Nanny, dem Anheizen von Konflikten und von konkreten Verhaltensanweisungen, die vom Kamerateam gegeben werden. Und von massiven Einschüchterungsversuchen per Wink mit der Vertragsstrafe (15.000 Euro!). Gar nicht zu sprechen von den Stromkosten für die Scheinwerfer, auf denen sie sitzengeblieben sind, und die bei einer “Begleitung” von 10-14 Tagen schon deutliche Summen erreichen können.
Doch was treibt die Menschen überhaupt dazu die Super-Nanny einzuschalten, anstatt die bestehenden Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch zu nehmen? Eine Antwort auf diese Frage könnte das Thema einer eigenen Doktorarbeit werden und ich maße mir nicht an, sie ausreichend beantworten zu können. Aus meiner Praxiserfahrung heraus fallen mir jedoch einige Punkte ein, die eine maßgebliche Rolle spielen könnten.
Zum Einen liegt es sicher in manchen Fällen schlicht und einfach daran, dass die Menschen nicht die Hilfe bekommen, die sie benötigen. Oder nicht schnell genug. Vielleicht sind sie abgewiesen worden, an eine Erziehungsberatungsstelle verwiesen, wo ihnen gutgemeinte Ratschläge gegeben wurden, die sie aber ohne konkrete Hilfe vor Ort nicht umsetzen konnten. Oder sie warten seit Monaten auf einen Termin beim Jugendamt. Vielleicht ist das Jugendamt aber in ihren Augen immer noch die Behörde, die einem einfach das Kind wegnimmt.
Vielleicht hatten sie bereits Hilfe. Eine sozialpädagogische Fachkraft, die professionell arbeitete, aber in den Augen der Klienten nicht die gewünschten Erfolge “produziert” hat. Oder eben nicht schnell genug. Bei der Super Nanny geht es ja auch immer gleich. Es war vielleicht eine Hilfe, die nicht direktiv einschreitet, sondern langsam aber dafür nachhaltig die eigene Arbeit aller Betroffenen an sich einfordert anstatt Verhaltensanweisungen zu geben, die umgesetzt werden sollen ohne dass die innere Haltung sich ändert. Das mit den Anweisungen wirkt erstmal, ohne Frage, sofern der Anweisende genug Einschüchterungspotenzial oder aber gottähnliche Autorität besitzt, es wird aber -außer in wirklich seltenen Fällen der Spontanerleuchtung- nicht lange anhalten.
Vielleicht ist vielen betroffenen Familien die Super Nanny auch näher als das Jugendamt und stellt zugleich eine größere Autorität für sie dar. In den Familien, in denen ich tätig war, spielt der Fernseher eine zentrale Rolle in der Familie. Er läuft meist sobald und solange jemand zuhause ist, in manchen Fällen auch die Nacht durch und bei Gesprächen ist es alles andere als selbstverständlich ihn abzuschalten. Äußere ich dann die entsprechende Bitte, ernte ich zumeist ein kurzes Erstaunen. Ich möchte behaupten, dass er für die Familien das bedeutendste Fenster zur Welt darstellt und fast schon an die Rolle eines Familienmitglieds heranreicht. Für mich ist das nicht verwerflich sondern verständlich, denn in diesen Familien, die oft von Arbeitslosigkeit und relativer Armut geprägt sind ist der Fernseher das effektivste Mittel der gesellschaftlichen Teilhabe. (Wie sich die Fernsehsender diese Teilhabe vorstellen kann man übrigens sehr genau beobachten, wenn man sich die Sendeformate anschaut, die zu jenen Zeiten laufen, in denen überwiegend arbeitslose Menschen fernsehen. )
Je einseitiger diese Teilhabe zugunsten des Fernsehens ist, desto mehr Deutungshoheit und Autorität erlangt das Fernsehen in der Darstellung der Welt da draußen. (Das ist übrigens bei Spiegel und Bildlesern nicht anders). Dass man sich bei aufkommenden eigenen Problemen, deren Lösung man sonst im Fernsehen betrachten kann, dann auch an das Fernsehen richtet erscheint auf diesem Hintergund nur logisch.
Und dann kommt dieses Fernsehen tatsächlich. Es löst die Grenze zwischen hinter und vor der Glotze auf und steht leibhaftig im Wohnzimmer. Das gleicht mit Sicherheit einem religiösen Erlebnis und erntet damit per se schon einen unschlagbaren Bonus was die Motivation zur Mitarbeit angeht.
Und schließlich die Situation vor Ort: Stellen Sie sich vor, fünf erfolgshungrige Sozialarbeiter stünden 14 Tage in ihrer Wohnung um ihr Problem zu lösen. Unangenehme Vorstellung? Ja,sicher. Im Fall der Super Nanny sind es jedoch nicht mal Sozialarbeiter mit gewissem Berufsethos sondern ein Aufnahmeleiter, vielleicht vier Kameramänner und dann (hin und wieder) die mit viel Brimborium angekündigte “Super Nanny”. Sie wehren sich da nicht mehr, nein ,vielleicht sind Sie sogar im positiven Sinne überwältigt von soviel Einsatz Ihretwegen und entsprechend Ihrer Affinität zum Fernsehen ist es Ihnen ein inneres Bedürfnis mitzuspielen. Und für den Fall der Fälle winkt man Ihnen dann mit dem Vertrag zu. Später, wenn dann alles vorbei ist dämmert Ihnen, dass das alles irgendwie komisch war. Ihre ganze Familie steht vielleicht unter Schock und damit hat die Super Nanny zumindest erfolgreich das Familiensystem “irritiert”, aber Ihnen wird zunehmend klarer, dass das ein übles Ende nehmen könnte. So war das alles doch gar nicht. Aber Sie haben keinen Einfluss mehr. Eine schmerzhafte Lektion in Sachen Medienkunde. Und Sie dürfen sich nicht einmal öffentlich darüber beschweren. Sie fühlen sich mißbraucht ohne anklagen zu können (außer vor Gericht, dort jedoch gegen eine Übermacht von RTL-Anwälten).
Zum Thema Scripted Reality: 13-seitiger Vertrag für Teilnehmer der Sendung “Schwer verliebt”. Man steht SAT1 quasi lebenslang uneingeschränkt zur Verfügung, verpflichtet sich zum absoluten schweigen und am Ende gibt es statt Liebe nur Spott und Häme.
http://www.rhein-zeitung.de/regionales/extra_artikel,-Schwerer-Unfug-mit-Sarah-H-Medienrechtler-haelt-Sat1-Kuppelshow-Vertrag-fuer-sittenwidrig-_arid,340029.html
Zu den Gründen, warum einige lieber die Super Nanny einschalten, als das Jugendamt:
Ich glaube, der Hauptgrund ist ein ganz simpler: Vertrautheit!
Die Super Nanny hat ein Gesicht, das man kennt. Man weiß aus dem Fernsehn, wie sie arbeitet und was da so auf einen zu kommt. Und man weiß, dass man dort Hilfe in Erziehungsfragen bekommen kann. Von so einem Bekanntheitsgrad können Erziehungsberatungsstellen nur träumen.
Oder auch nicht. Denn in vielen Beratungsstellen gibt es eine Kultur der Abschottung, welche die Schwelle zur Beratung recht hoch ansetzt. Und das nicht ohne Grund: die Stellen sind unterbesetzt, Terminkalender langfristig überfüllt und so setzt man hohe Hürden nach dem Motto: “Erst wenn du bereit bist, alles für unsere Hilfe zu tun, dann ist das Problem groß genug, um an daran zu arbeiten”.
Für jemand, der eh unsicher ist, ob er oder sie dort richtig ist, kann das bereits das Ende der Beratung bedeuten.
Hinzu kommt, dass bei Erziehungsproblemen häufig das Gefühl vorhanden ist, in der Erziehung versagt zu haben, also als unfähige Eltern zu gelten. Sich dann beim “Amt” zu melden, scheint riskant, da die Unfähigkeit dann aktenkundig wird und wer weiß, ob das Jugendamt dann nicht die Kinder “ins Heim gibt” oder anderweitig unter Beobachtung stellt.
Bei der Super Nanny sehen zwar auch Millionen Zuschauer die eigene “Unfähigkeit”, aber hey, man ist im Fernsehen! Fürs Fernsehen ausgewählt zu werden, gibt ein wenig Selbstwert zurück und ermöglicht es gleichzeitig, nicht auf die Erziehungsfehler zu fokussieren, sondern auf das Medium selbst.
Außerdem erhält man durch die Sendung einen Vergleichswert, an dem man sein eigenes Verhalten messen kann. Denn so schlimm, wie bei den anderen Eltern der Super Nanny, ist es dann in der eigenen Familie doch nicht – zumindest nicht, bis man den eigenen Beitrag im Fernsehen sieht…