Am 18. Juni hielt Hans Thiersch, der Begründer des lebensweltorientierten Ansatzes in der Sozialarbeit, anläßlich der Jahrestagung “Kritische Sozialarbeit” einen Vortrag über die Autonomie der Fachlichkeit Sozialer Arbeit. Themen dieses Vortrags waren das Selbstverständnis der sozialen Arbeit in der Unterscheidung zu anderen Professionen und die versuchte Einflussnahme neoliberaler und neokonservativer gesellschaftlicher Strömungen auf den Sozialstaat und die Zielformulierungen sozialer Arbeit. (Dank für den Link an: sozialearbeit.einmischen.info)
Weil ein vierzigminütiger Vortrag nicht jedermanns und jederfraus Sache ist, habe ich mir erlaubt, einige Zitate aus dem Vortrag herauszuarbeiten, vielleicht macht es ja Lust auf mehr, denn der Vortrag ist sehr empfehlenswert.Die Auswahl der Zitate geben nicht den Verlauf des Vortrages an, sie sind eher meine persönlichen Best-ofs.
” Alltag ist eine Vorderbühne und hinter ihr liegen die Strukturen der gesellschaftlichen Machtverhältnisse .”
“… z.B. Probleme der Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau müssen ausgehandelt werden im Konkreten, aber sie sind bedingt durch die Verhältnisse der Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern. Und das erklärt und erleichtert – entmoralisiert in den Verhältnissen, weil man sieht: ich agiere sozusagen strukturenkonkret. ”
” auch abweichendes Verhalten ist zunächst ein Versuch mit der Situation zurande zu kommen; es ist ein unglücklicher, ein schwieriger, also man muss gucken, ob es funktionale Äquivalente, Veränderungen gibt, aber der Ausgang ist die Akzeptanz der Bewältigungsleistung. ”
“Wir [die SozialarbeiterInnen, Anm.d.Verf.] mischen uns in die Verhältnisse ein, um die in ihnen angelegten Optionen zum Gelingenderem zu stärken und zu fördern. Und wir mischen uns natürlich mit den Vorteilen der Profession ein: Wissen, Erfahrung, Können und anderen Formen der Selbstkontrolle.”
“…und die Maximen der Lebensnähe, einer Regionalisierung, des Arbeitens im Sozialraum, des Arbeitens in offenen Settings, der Beratung, der Straßensozialarbeit, der Familienhilfe und was es alles gibt, all diese Settings heißen ja, dass wir als Profession darauf bestrebt sind, klassische Professionsmerkmale nicht vor uns herzutragen. Nämlich die Distanz zu den Anderen, die Unterscheidung zu den Anderen, die Besonderheiten des Professionswesens. Andere Berufszweige legen ja großen Wert darauf, ich amüsiere mich immer darüber welche Mühe sich die Ärzte geben, alles so [...] zu formulieren, damit man nicht merkt, dass es ungefähr dass ist, was die Großmutter auch schon gesagt hat.”
„also man kann auch sagen, sich gemein machen, das ist auf der einen Seite schwierig für die Erkennbarkeit, die Außenerkennbarkeit unseres Berufs und darunter leiden ja dann auch viele und sie haben das Gefühl, wenn sie wenigstens eine systemische Zusatzausbildung haben, können sie sich als etwas ausweisen, was man besser nachweisen kann, als wenn man sagt, ich helfe Menschen in ihren Schwierigkeiten indem ich ihnen Beistand leiste zwischen der Vermittlung von Arbeit, der Klärung von Wohnverhältnissen, Schularbeitenhilfe und im intensiven Gespräch über falsche Deutungsmuster haben wir ein komplexes, situatives und unüberschaubares Arbeitsfeld als unser Arbeitsfeld.”
“Das Problem dieser modernen Arbeit scheint darin zu liegen, dass man sich dazu bekennen muss […], nämlich die Unterstützung der Menschen in der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Alltagsverhältnisse in denen sie drinstecken.”
” Hans-Uwe Otto hat neulich den Begriff der Verzwergung gebraucht, und ich finde das ist ein guter und ein witziger Begriff, dass Sozialarbeit sich sozusagen, äh, dazu neigt, diese ihre eigene, spezifische Kompetenzen herunterzuhängen und sich nicht zu ihr zu bekennen, als ihrer eigenen, die ein Eigenrecht hat, neben einer therapeutisch beratenden, neben einer justiziell verwaltenden und auch neben einer ökonomisch-sozialpolitisch, geldverteilenden und zuweisenden. ”
” Einmischen bedeutet aber auch- und ich knüpfe an die Verzwergung an – dass wir in die Waagschale werfen, was soziale Arbeit zu leisten hat. Sie ist eine besondere Profession, weil sie das besondere Geschäft von Alltagsgeschäften hat; das soll sie sich nicht madig lassen machen von anderen Professionalisierungsmustern oder Konkurrenzverhältnissen. Und sie steht für soziale Gerechtigkeit als „für alle“ und sie muss gucken, wo sie dazu Bewegungsmöglichkeiten hat. “